Lukas' Reise nach Bolivien

 

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Neues von Lukas

Ich moechte mich fuer die lange Zeit der Abwesenheit entschuldigen. Um Euch einen Ueberblick ueber meinen ersten Monat in Carmen Pampa und den zweiten in Bolivien zu geben, kopiere ich Euch hier meinen Rundbrief hinein. Ich werde versuchen, mich demnaechst haeufiger zu melden - was wegen der Internetverbindung nicht immer sehr einfach ist. Bueno.

 

 

Liebe Famlie, Freunde, Bekannte, Unterstützer und Ihr lieben Interessierten!


„Auf welches Instrument sind wir gespannt?

Und welcher Spieler hat uns in der Hand?

O, süßes Lied.“

R. M. Rilke


Nach meinem ersten Monat in Bolivien, den ich in La Paz in meiner lieben Gastfamilie verbracht habe, in dem ich viel Spanisch gerlent und viel über Gastfreundschaft, Gemeinschaft und Glück erfahren habe, bin ich gut in den „Yungas“, der hiesigen Region, angekommen und habe mich mittlerweile gut in dem kleinen Dorf, Carmen Pampa, eingelebt. Diesen Brief möchte ich beginnen, in dem ich die Reise von La Paz hierher beschreibe.

 

 

Die Fahrt in die Yungas

 

Nachdem ich am Treffpunkt auf Hugh, den stellvertretenden Leiter der Universität, in der ich nun arbeite, sowie auch Josh, einen amerikanischen Freiwilligen getroffen bin, haben wir gemeinsam die Fahrt nach Carmen Pampa angetreten. Diese Fahrt wird in Reiseführern stets als einmaliges Erlebnis beschrieben und ich finde, obwohl sie mittlerweile nicht mehr über die legendäre „Straße des Todes“ angetreten wird, ist dieser Ausdruck keine Übertreibung. Von La Paz aus geht es zunächst ein Stück weiter in die Berge, bevor man sich dann in drei Stunden ca. 90 km und 1.700 Höhenmeter bergab begibt und dabei sämtliche Vegetationszonen durchquert. Die Berge, die ich so wunderschön finde, und die in La Paz rote Felsen sind, wurden mit jedem Kilometer grüner, die Luft mit jedem Kilometer „dicker“ und die Termperatur wurde mit jedem Kilometer höher. Wir fuhren vorbei an vereinzelnten Häusern, Hühnern, Kühen, Ziegen, Schafen, einem Affen, vielen Hunden, an Bananenstauden und allerlei Pflanzen, die man in Deutschland eher nicht kennt. Während dieser Fahrt habe ich gespürt, dass die Stadt nun hinter mir bleibt und ich erleben werde, wie anders die Menschen auf dem Land leben.


 

Meine erste Woche in Carmen Pampa


Angekommen in der Uni in Carmen Pampa, bin ich von den anderen Freiwilligen (wir sind verteilt auf die beiden Campusse 9 Freiwillige aus den USA, Spanien, Italien, Dänemark und Deutschland), dem Vizedirektor Hugh und dem Lehrerkollegium sehr herzlich empfangen worden. Ich habe mein Zimmer eingerichtet, dass ich mittlerweile gegen ein größeres (mit eigenem Bad) getauscht habe und wir haben die Lokalitäten kennnen gelernt. All das war sehr aufregend und fremd und ich möchte nicht verheimlichen, dass hier der Kulturschock auf mich gelauert hat. Das Leben hier ist eben sehr einfach, die Menschen haben weniger Geld und sind daher mit weniger zufrieden, als wir. Das musste ich erst kennen- und akzeptieren lernen und ich glaube, dass dieser Prozess noch immer nicht komplett abgeschlossen ist, wenn das denn möglich ist. Jedoch fühle ich mich hier mittlerweile sehr wohl und fast schon ein bisschen wie „zu Hause“. Ein Sprichwort sagt: „Die Seele braucht länger um den Ort zu wechseln, als der Körper“ – und darum glaube ich auch, dass es in Ordnung ist, sich genug Zeit zum Eingewöhnen zu geben, was mit mittlerweile gut gelungen ist.

 

In meiner ersten Woche hier fanden die „Intercarreras“ statt. Das ist eine Festwoche, die jedes Jahr anlässlich des Geburtstages der Universität stattfindet. Ich glaube, in dieser Woche, die dieses Jahr dem 19. Geburtstag gewidmet war, war nicht so, wie es normalerweise ist, aber ich habe sie sehr genossen. Tagsüber wurden die ganze Woche Fuß-, Basket- und Vollyballturniere ausgetragen. Hier bin ich, wie ich es hier so oft tue, über meinen eigenen Schatten gesprungen: Ich habe todesmutig an einem Fußballspiel teilgenommen und auch, wenn ich den Ball kein einziges Mal berührt habe, war das irgendwie ein Spaß. Außerdem wurden tagsüber von den Studenten verschiedene Dinge für das Abendprogramm vorbereitet. Es gab Theateraufführungen, Gedichtvorträge, verschiedene (klassische und weniger klassische) Tänze, Karaoke, Kostümwettbewerbe und so weiter. Das Ganze fand mit einer solchen Kreativität und mit so viel Einsatz statt, dass es mich staunen ließ.

 

Auch wir „Voluntarios“ haben einen Beitrag zum Abendprogramm geleistet: Wir haben einen Tanz einstudiert, zu „I got a feeling“. Das war ein Highlight und wurde mit großem Applaus belohnt. Außerdem habe ich bei einem traditionellen Tanz mitgemacht, dem Waca-Waca. Dieser symbolisiert eine Art Stierkampf und kam wohl mit den Spaniern ins Land. Die Kostüme hierfür sind ebenfalls sehr traditionell: Die Frauen tragen bis zu 10 Röcke übereinander und die Männer das Stierkostüm, welches auch ich getragen habe. So bewegt man sich dann über das Fußballfeld und imitiert freudig etwas zwischen Stiertreibern, Stierkampf und Landarbeit.

 

Was mir an den Intercarreras außerdem gut gefallen hat und weshalb ich froh bin, dass diese Woche meine erste Woche war, ist, dass ich viel Zeit hatte, mit den Studenten zu reden. Diese waren zu Beginn nämlich oft ein bisschen schüchtern und trauten sich nicht so richtig, mit mir in Kontakt zu treten. Aber dank der Festwoche kannte ich schnell verschiedene Gesichter, die sehr freundlich zu mir sind und mit denen ich nun zum Beispiel in der „Cooperativa“, also in der Kantine, meine Mahlzeiten einnehme und mit denen ich viel über die Unterschiede zwischen den beiden Ländern spreche, die ich hier nun verbinde.

 

 

Die Universität


Wie bereits gesagt, wurde die Universität dieses Jahr 19 Jahre alt. Sie wurde von einer Ordenschwester gegründet, die die Meinung vertrat, dass Bildung der erste Schritt ist, um Armut bekämpfen zu können. Sie machte aus ihren Gedanken Tatsachen und so studieren hier nun hauptsächlich Studenten, die aus den einfacheren, ländlicheren Verhältnissen kommen und auf diesem Wege eine fundierte Ausbildung in den Fächern Bildung, Krankenpflege, Tiermedizin, Landwirtschaft und Tourismus erhalten. Die Botschaft lautet also: Lernt und gebt das Wissen, das ihr erhaltet, an Eure Familien und Eure Dörfer weiter, um Eure Verhältnisse zu verbessern.

 

Die Universität teilt sich auf in zwei Standorte, den oberen und den unteren Campus, die zu Fuß ca. eine halbe Stunde voneinander enfernt liegen. Ein kurvenreicher Weg verbindet diese beiden Standorte miteinander und führt vorbei an Kaffeepflanzen, Teebüschen, Bana-nenstauden und der Kaffeerösterei. Die beiden Standorte sind mit jeweils einem Computerraum, ver-schiedenen Klassenräumen, Laboren, Büros und mit den Schlafräumen der Studenten ausgestattet. Ich lebe im oberen Campus, von dem aus ich einen herrlichen Ausblick über die Berge habe, in einem Haus, vor dem eine Palme wächst.

 

Als ich noch in Deutschland war, dachte ich, dass eine Universität hier vielleicht geringere Standarts hat, als eine europäische, aber das ist nicht der Fall, soweit ich das beurteilen kann. Es wird viel gelernt und es gibt hier genauso ein Punktesystem wie in Deutschland, man kann Semester nicht bestehen und jeder Student muss am Ende seines Studiums eine Abschlussarbeit, die „Tesis“ schreiben, die er außerdem mündlich vortragen muss. Übrigens wird in der Danksagung der Abschlussarbeit meist zuerst der Schwester gedankt, die die Universität gegründet hat - und anschließend Gott sowie der Familie des Studenten.

 

Ich habe großen Respekt vor den Studenten, die hier leben. Sie schlafen mit acht Personen in einem Raum, teilen sich mit vielen mehr ein Bad ohne warme Dusche, müssen pro Semester 80 Stunden soziale Arbeit leisten und zwischendurch lernen. Jeder Student in Deutschland wäre mit solchen Konditionen (wie vermutlich auch mit der Internet- und Busanbindung) vollkommen unzufrieden – hier erlebt man jedoch, dass Bildung ein Geschenk ist, das gerne angenommen wird, ohne zu klagen. War ich des Lernens nach dem Abitur in Deutschland erstmal müde, habe ich nun immer mehr Lust, nach meiner Zeit hier selber die Uni zu besuchen und mir mehr Wissen anzueignen.

 

Lernen tue ich hier allerdings auch eine Menge ohne dass ich die Kurse besuche: Ich habe gelernt, weiße T-Shirts mit der Hand zu waschen. Ich lerne, über meinen Schatten zu springen, auf Menschen zuzugehen und auch drei Mal zu fragen, wenn ich es noch immer nicht verstanden habe, weil mir mal wieder ein wichtiges Wort fehlt. Ich lerne jedoch immer besser, mich auf Spanisch zu unterhalten und verbessere mein Englisch, wenn ich mit den Amerikanern spreche. Ich lerne, was man gut essen kann und wovon man lieber nicht isst, weil der deutsche Magen nicht damit umgehen kann. Ich lerne, wie hier die Abläufe sind und wie eine Uni verwaltet wird. Ich habe gelernt, wie man Bus fährt und wie man auf der Ladefläche des Trucks mt dem Kopf den Bäumen ausweicht, ich habe gelernt darüber zu sprechen, wenn es mir mal nicht so gut geht und ich habe gelernt, irgendwie all meine Freude auszudrücken, ich lerne wie die Menschen wahrnehmen und funktonieren, und, und, und...

 

 

Was Lukas arbeitet


In der Woche der Intercarreras fand hier kein Unterricht statt. So habe ich auch noch nicht meine eigentliche Arbeit kennen gelernt, jedoch viel in der Küche der Kantine geholfen, in der stundenlang Gemüse geschnitten und dabei viel geredet wurde. Hier trafen die Köchinen und ihre Kinder, die Freiwilligen und Studenten sowie Lehrer aufeinander und das hat Spaß gemacht.

 

In meiner zweiten Woche habe ich meine Arbeit in der Verwaltung aufgenommen. Ich helfe hier einer Studentin, Sonja, im Archiv. Das mag sich vielleicht nicht besonders aufregend anhören, ist es aber für mich doch in einer gewissen Weise doch. Sonja, mit der ich arbeite, hat ein Jahr in den USA verbracht und so können wir uns immer gut verständigen. Wir reden viel über unsere Erfahrungen in der Ferne, über die Unterschiede zwischen den Ländern, über Gewohnheiten und Bräuche, wir lachen viel, arbeiten uns durch die Aktenberge, backen nächste Woche zusammen Pfannekuchen und verstehen uns sehr gut. Außerdem ist es interessant, in den Akten zu stöbern und so das ein oder andere Interessante zu erfahren, was man sonst nicht erfahren würde – ich lerne so Studenten und Uni auch noch in einer anderen Weise kennen. Und immer wieder schaut mal jemand rein, die etwas braucht oder der einfach nur ein bisschen quatschen will. So ist meine Arbeit auch eine gute Chance für mich, Menschen kennen zu lernen. Manchmal arbeite ich auch in der Bibliothek mit, wo Ruben, ein Mathelehrer, mein Kollege ist und ab und zu auch Studenten aushelfen, mit denen ich arbeite und herumalbere. Ruben ist sehr interessiert, stellt mir viele Fragen und ist ab und an ein bisschen erstaunt von dem, was ich so erzähle, vom fremden Deutschland. Meine Arbeit bereitet mir Freude, da ich während dieser Zeit genug Möglichkeiten habe, meine Fragen zu stellen und zu beantworten, Antworten zu geben und zu bekommen und Menschen kennen zu lernen.


 

Über Vorurteile und über Vorurteile wachsen

 

In meinen ersten Tagen wurde ich von einem Student gewarnt. Es hieß, er soll vor einiger Zeit ins Gäste- und Freiwilligenhaus im unteren Campus geschlichen sein und Dinge gestohlen haben – man solle sich lieber von ihm fern halten.

An meinem ersten freien Tag bin ich mit Maria und Rayen und mit besagtem Student in eine Art Tierheim gefahren, in dem Papageien, Affen und andere Tiere gepflegt werden, die von ihren vorherigen Besitzern nicht richtig behandelt worden waren. Der Student hat uns dabei geholfen, diese Einrichtung zu finden, hat viel mit uns gesprochen und einen super freundlichen und ehrlichen Eindruck gemacht und mit uns gealbert, ohne auch nur eine Spur verdächtig zu wirken.

 

Maria hat daraufhin ein bisschen weiter nachgeforscht. Offenbar konnte nämlich nie wirklich bestätigt werden, dass der besagte Student jemals irgendwas getan hätte, was nicht in Ordnung gewesen wäre – der Verdacht muss wohl durch einen ungünstigen Zufall auf ihn gefallen sein und eigentlich handelt es sich nur um ein Gerücht, dass der Student nicht vertrauenswürdig sei.

 

Dass noch Jahre nachdem es zu diesem Gerücht gekommen ist, darüber gesprochen wird, hat mich ein bisschen getroffen. Ich halte es nicht für richtig, einem Menschen solcherlei Sachen nachzusagen, von denen man sich nicht sicher ist, ob sie der Wahrheit entsprechen. Das schädigt der Person und verursacht, dass diese in ihrem sozialen Umfeld irgendwie eine Art Isolierung erhält. Ich habe mir hier nun vorgenommen, zwar immer auf mich aufzupassen und meinen Menschenverstand zu nutzen, aber darauf zu achten, in Zukunft nicht mehr irgendwelchen Gerüchten zu folgen und ihnen nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken, um meine eigenen Erfahrungen zu machen.

 

 

Soweit erstmal von mir aus Bolivien. Ich hoffe, ich kann Euch mit meinen Worten einen kleinen Eindruck von dem verschaffen, was ich hier erlebe. Es ist schwer, all das, was meine Sinne mir hier bieten, auszudrücken. Ich danke Euch weiterhin für Eure Unterstützung und für Eure Antworten und Fragen. Ihr und mein Gefühl lasst mich wissen, dass ich hier richtig bin.

Es grüßt Euch,

Lukas

 

P.S.: Auch in meinem zweiten Rundbrief möchte ich wieder darauf hinweisen, dass ich ausschließlich meine eigenen, subjektiven Erfahrungen und Eindrücke wiedergebe. Für eventuelle Fehlzuschreibungen oder Verallgemeinerungen möchte ich mich entschuldigen, denn ich berichte hier nur von einer Begegung von einem kleinen Stück Bolivien mit einem kleinen Stück Deutschland.

 

5.11.12 00:48
 
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